
Anpassungsstrategien an MEDIzinisChe Implikationen des Klimawandels für eine Urbane TranSformation
Wenn im Sommer die Hitze zwischen den Häuserfassaden steht, wenn sich Feinstaub, Ozon und Pollen in der Luft sammeln und tropische Nächte keine Abkühlung mehr bringen, wird der Klimawandel in bayerischen Städten unmittelbar spürbar. Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen und chronisch Erkrankte, also jene, die ohnehin besonderen Schutz benötigen.
Hier setzt MEDICUS an: ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das Klimamodellierung, Umweltmedizin und Städtebau zusammenführt, um die gesundheitlichen Folgen multipler klimabedingter Stressoren besser zu verstehen, konkrete Lösungen zu entwickeln und neue Bildungsformate für eine urbane Transformation zu etablieren.
Gemeinsam arbeiten Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), des Universitätsklinikum Augsburg (UKA) und der Technische Universität München (TUM) daran, zukünftige Belastungsmuster präzise zu simulieren. Hochaufgelöste Stadtklimamodellierungen werden mit großskaligen Klimaszenarien verknüpft, um Hitze-Hotspots, Pollen-Hochburgen und Luftbelastung räumlich und zeitlich differenziert abzubilden.
In Reallaboren auf Nachbarschaftsebene in München und Augsburg werden diese Erkenntnisse gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern weiterentwickelt. Digitale Werkzeuge wie eine Resilience-App oder ein Serious Game helfen, Problembewusstsein zu stärken und Anpassungsstrategien zu vermitteln.
So verbindet MEDICUS Modellierung, Empirie, Beteiligung und Bildung und leistet einen zentralen Beitrag zur Klimaanpassung und Gesundheitsförderung in bayerischen Städten. Im bayklif2-Verbund setzt MEDICUS damit einen klaren Schwerpunkt auf das Querschnittsthema Gesundheit und auf Bildungsformate zur Verankerung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Gesellschaft.
Hintergrund
Der Klimawandel gilt als eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und seine Auswirkungen zeigen sich besonders deutlich in urbanen Räumen. Hitzeextreme nehmen zu, der urbane Wärmeinseleffekt verstärkt Temperaturspitzen zusätzlich. Gleichzeitig verändern sich Umweltfaktoren wie Luftqualität und Pollenbelastung.
Während Hitze, Luftverschmutzung und Allergene bisher häufig getrennt untersucht wurden, wirken diese in der Realität oft gleichzeitig und verstärkend zusammen. Eine heiße, windstille Hochdrucklage kann beispielsweise Belastungen durch Hitze, Ozonbelastung und Pollenflug kombinieren. Für vulnerable Gruppen bedeutet dies ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.



Viele bayerische Städte sind historisch gewachsen und in ihrer baulichen Struktur nicht auf diese zunehmenden Extrembedingungen ausgelegt. Versiegelte Flächen, dichte Bebauung und fehlende Durchlüftung verschärfen die Belastung zusätzlich.
Genau hier besteht ein zentraler Forschungsbedarf: Es braucht interdisziplinäre Analysen multipler Stressoren und darauf aufbauend evidenzbasierte Strategien, die Klimaanpassung, Stadtplanung und Gesundheitsschutz gemeinsam denken.
Methoden und Ziele
MEDICUS verfolgt eine integrierte Forschungsstrategie, die Klima- und Umweltmodellierung, Umweltmedizin und Urban Design systematisch verbindet. Grundlage sind hochaufgelöste Stadtklimamodelle und großskalige Klimasimulationen, ergänzt durch KI-gestützte Analysen und Hotspot-Cluster-Auswertungen. So werden zukünftige Belastungsmuster wie etwa extreme Hitzeperioden in Kombination mit hoher Pollen- oder Feinstaubbelastung präzise identifiziert.
Parallel dazu tragen Reallabore in München und Augsburg mit partizipativen Formaten zur Stärkung des Problembewusstseins von Anwohnerinnen und Anwohnern bei. Gemeinsam werden konkrete Anpassungsmaßnahmen auf Nachbarschaftsebene entwickelt, systematisch in Bildungsformate übersetzt und ihre Wirksamkeit evaluiert.


Verständnis der Folgen des Klimawandels für individuelle, städtische und planetare Gesundheit beitragen. Foto: MCube / V. Zayika
Digitale Tools wie eine Resilience-App oder Serious Games unterstützen Wissenstransfer und Verhaltensänderung. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in Simulationsmodelle integriert, um sie auf weitere bayerische Städte zu übertragen.
Langfristiges Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte und zugleich praxisnahe Lösungen zu entwickeln, die:
- klimabedingte Gesundheitsrisiken reduzieren,
- urbane Resilienz stärken,
- in innovative Bildungsformate überführt werden,
- und Klimaanpassung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verankern.
Der Mehrwert für den Freistaat Bayern ist unmittelbar
MEDICUS schließt eine gesundheitsrelevante Forschungslücke: das Zusammenspiel multipler klimabedingter Stressoren in urbanen Räumen.
Durch die Verbindung von KI-gestützter Modellierung, medizinischer Expertise und städtebaulicher Planung liefert das Projekt eine belastbare wissenschaftliche Grundlage für:
- evidenzbasierte Stadtplanung,
- gezielte Gesundheitsvorsorge,
- kommunale Klimaanpassungsstrategien.
Die entwickelten Modelle und Maßnahmen sind auf weitere bayerische Städte übertragbar. Dadurch entstehen konkrete Handlungsmöglichkeiten für Kommunen, Verwaltung und Politik.
Angesichts der breiten Betroffenheit der Bevölkerung – insbesondere vulnerabler Gruppen – besitzt MEDICUS einen hohen gesellschaftlichen Nutzen. Es stärkt die Resilienz urbaner Räume und trägt aktiv zur Gesundheitsförderung in Zeiten des Klimawandels bei.
Mögliche Synergien innerhalb von bayklif2
MEDICUS ist eng in wissenschaftliche, kommunale und zivilgesellschaftliche Netzwerke eingebunden. Das Projekt bringt Expertise aus Klimaforschung, Medizin, Stadtplanung und Bildung in den bayklif2-Verbund ein und fördert aktiv neue Vernetzungsansätze.
Kooperationen mit Kommunen, Bildungsinstitutionen, Initiativen und Bürgerverbänden sichern den Transfer der Ergebnisse in die Praxis. Gleichzeitig fließen die gewonnenen Erkenntnisse in Bildungsformate im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, hier im Besonderen einer Bildung für urbane Transformation, ein.

So entsteht mehr als ein Forschungsprojekt: MEDICUS wird zu einer Plattform für Austausch, Transformation und gemeinsames Lernen.
Die Vision ist klar: gesunde Städte für ein sich wandelndes Klima, wissenschaftlich fundiert, partizipativ entwickelt und nachhaltig verankert.
Team

Projektleitung

Dr. Magdalena Mittermeier
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU),
Department für Geographie, Professur für Physische Geographie und Umweltmodellierung
m.mittermeier@lmu.de

Prof. Dr. Ralf Ludwig
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU),
Department für Geographie, Professur für angewandte Physische Geographie
r.ludwig@lmu.de
Mitwirkende

Dr. Katrin Geneuss

Marianne Pfaffinger, M.Sc.

Dr. Sergi Ventura Caballé

Projektleitung

Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann
Universität Augsburg, Universitätsklinikum Augsburg (UKA),
Institut für Umweltmedizin und integrative Gesundheit (EMIH)
umweltmedizin@med.uni-augsburg.de
Mitwirkende

Dr. Ing. Maria P. Plaza

Dr. Matthias Reiger

Isabel Auer, M.Sc.

Projektleitung

Dr. Stefanie Ruf
Technische Universität München (TUM),
School of Engineering and Design, Professur für Urban Design
stefanie.ruf@tum.de
Mitwirkende

Mahtab Baghaiepoor, M.Sc.

Prof. Dr. Benedikt Boucsein